Die Ebstorfer Weltkarte - größte Radkarte                                                      
                                                                                                                                                           

 Eine Zeitreise ins Mittelalter    [Bayerische Rundschau 12/08]                     =>  Neues Thema im Landschaftsmuseum

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Ein oft übersehener Schatz
Kulmbach besitzt einen Schatz,  und die meisten/viele  wissen nichts davon. Er hat sich auf der Plassenburg gut versteckt. Er ist nicht im Boden vergraben und braucht nicht ausgegraben werden wie beispielsweise der Pörbitscher Schatz.  Dabei ist er eigentlich nicht zu übersehen. Fast trutzig stellt er sich jedem Besucher in den Weg, welcher das Landschaftsmuseum Obermain erkunden möchte. Es ist die größte Landkarte des Mittelalters, eine Kopie der Weltkarte aus dem Kloster Ebstorf bei Lüneburg. Mit einem Durchmesser von etwa 3,6 Metern und einer Fläche von über 10 Quadratmetern handelt es sich bei der Ebstorfer Weltkarte um die größte und inhaltsreichste Weltkarte des Mittelalters. Zwischen 1230 und 1250 (spätestens um 1300) entstanden, gehört sie zu dem in dieser Zeit vorherrschenden Typus einer Radkarte.

Eine von vier Kopien
Von vier Nachbildungen dieser Weltkarte, die es insgesamt gibt, wurde 1962 eine dieser vier Kopien von Max Hundt für die Stadt Kulmbach angekauft. Auf der Weltkarte war nämlich als einzige Burg die Plassenburg abgebildet ist. Das Original der Ebstorfer Weltkarte war 1943 im Staatsarchiv in Hannover verbrannt. Zum Glück hatte man bereits um 1890 im Lichtdruck-verfahren eine verkleinerte Kopie angefertigt worden, die später von Hand nach dem Original  koloriert wurde. Die Kulmbacher Kopie ist eine von vier Reproduktionen, welche von 1950 bis 1955 im Gerbdruckverfahren auf Ziegenlederpergament übertragen wurden (30 Ziegenhäute wurden hierfür benötigt). Eine dieser Reproduktionen befindet sich heute im Kloster Ebstorf, die zweite in Lüneburg; die dritte wurde von der Firma Reemtsma dem griechischen Königspaar geschenkt.

 Entdeckung der 'Ebstorferin'
Das Original, welches 1943 in der Landesbibliothek Hannover verbrannte, wurde um 1830 in einem "feuchten Gemach", einer fensterlosen  Abstellkammer, zusammen mit Altardecken und Prozessionsgerät "aus katholischer Zeit", im Benediktinerinnenkloster Ebstorf bei Lüneburg aufgefunden. Während leere, weiße Flächen am linken Rand von Mäusefraß stammen, hatte ein "unbekannter Frevler" rechts oben ein Stück mutwillig herausgeschnitten. Auch ist durch die unsachgemäße Lagerung der Pergamentrolle ein Teil im Nordwesten Europas unleserlich geworden.

Ein 'Orientierungs'problem
Wer sich auf der Karte orientieren und diese näher entschlüsseln möchte, hat ein Problem. Entgegen der Erwartungen der Menschen von heute liegt oben nicht Norden sondern Osten. Das war auf mittelalterlichen Weltkarten durchaus üblich, weil nämlich glaubte, dass das Heil von Osten gekommen sei (‚ex oriente lux’). Die Radkarte ist als ‚mappa mundi’ also geostet, das Haupt Christi (oben) liegt im Osten, die Füße im Westen. Rechts ist also Süden, links demnach Norden. Wer das weiß, kann sich nun daranmachen, die Karte zu genauer zu erforschen.

Jerusalem als Mittelpunkt und Herz der Welt
Dass Jerusalem in der Mitte der Karte liegt, sozusagen im Herzen Christi, welcher die ganze Welt in seinen Händen hält, ist nicht zu übersehen. Mit glänzendem Gold hervorgehoben, gibt sich die ‚hochgebaute Stadt’ als geistliches Zentrum der Welt zu erkennen.

"Jerusalem, die hochheilige Hauptstadt Judäas, liegt 23 Meilen von Sychem, 16 von Dispoli, 16 von Hebron, 14 von Jericho, 4 von Bethlehem, 16 von Bersabee, 24 von Askalon, ebensoviele von Joppe (Jaffa), 16 von Ramatha, 6 von Emaus, 4 von den Bergen, zu denen Maria eilte. Diese weltberühmte Stadt überragt als die erste aller Städte die ganze Welt, weil hier die Rettung des Menschengeschlechts durch Tod und Auferstehung des Herrn vollbracht worden ist, wie der Psalmist sagt: 'Er ist unser König vor aller Zeit etc.'. Diese große Stadt umschließt das Grab des Herrn, wonach der ganze Erdkreis begierig verlangt, weil der Sieger über den Tod es durch seine Auferstehung verherrlicht hat. So sagt Sedulius: Nachdem dieser Ort den vortrefflichen Schatz des vom Kreuz abgenommenen Leichnams aufnahm und damit ausgezeichnet war, so wurde sie noch mehr erhoben und geheiligt durch seine Auferstehung.“

Bethlehem – Ochs und Esel
Unter dem Stern oberhalb von Bethlehem ist zu lesen: “Bethleem civitas. Cognouit bos et asinus presepe domini sui”. Das heißt übersetzt: ‘Die Stadt Bethlehem. Ochs und Esel erkannten die Krippe ihres Herrn’ (Jes. 1, 3). Im sogenannten Pseudo-Matthäus, einem Evangelium, das die Kirche nicht anerkannt hatte, steht: „Und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja verkündet ist, der sagte: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ Oben ist die Stadt Jericho, links neben Bethlehem ist die Stadt Arimathia zu erkennen, darunter Hebron. Unterhalb von Bethlehem liegt ’Bersabea, wo Abraham wohnte’, daneben Gethea, eine Landschaft am Toten Meer, rechts davon Gaza.

Strafgericht über Sodom und Gomorrha
Neben dem Orte Hai (rechts von Jericho) ist zu lesen: "Diese fünf Städte der Sodomiter sind wegen der Ungerechtigkeit ihrer Bewohner durch ein Feuer, das vom Himmel fiel, vernichtet worden. Einst reicher als Jerusalem, sind sie nun wüst und leer. Dies wird an einer besonderen Art von Obstbäumen augenfällig. Denn darauf wachsen dicke Äpfel, die so reif leuchten, daß man sie unbedingt essen möchte. Wenn du sie aber pflückst, zerbrechen sie, zerfallen zu Asche und Rauch quillt heraus, als hätten sie immer noch Glut in sich."

Die Plassenburg in der ‚Francia orientalis’
In der linken unteren Bildhälfte sind die Quellflüsse von Naab, Main, Saale und Mulde sowie den angrenzenden Teil Thüringens mit Orlamünde, Naumburg ('Nienbe c.'), Erfurt ('Erfordia c.') und Meißen ('Misna c.' - oben links) sowie Quedlinburg am 'Roda fl.' zu erkennen. Rechts von der Plassenburg ('Blassenbc') liegt Nürnberg 'Nurenberch c.'), darunter Bamberg ('Paven-borch'), durchflossen von der Regnitz ('Rekenzia fl.') und schräg darüber Forchheim ('Vochelem'). 

Francia orientalis und Germania superior
Unterhalb der „Francia orientalis“ (= Ostfranken) ist rechts schräg darunter Würzburg ('wercebch.') zu erkennen, unterhalb davon ist in der "Germania superior" 'westfalia c.
Kloster Ebstorf ('Ebbekestorp') am linken unteren Bildrand neben Lüneburg mit einem Kreuz und den als kleine Rechtecke eingezeichneten drei Märtyrergräbern zu sehen.
Neben der Stadt Lüneburg ('Luna') ist daneben Braunschweig (mit einem Löwen) auffallend groß dargestellt.. Darunter sind Hannover ('honouere c.') zu erkennen.

Ausdruck mittelalterlicher Weltsicht                                                -3-
Um die Erdoberfläche, die man sich wohl auch damals schon kugelförmig vorgestellt hat, schlingt sich der Ozean. Das Kartenbild ist von etwa 1600 Zeichnungen und erklärenden lateinischen Beischriften bedeckt. Es ist dies ein Geschichtsbild, in dem sich der Ablauf der Weltgeschichte ebenso zur belehrenden Betrachtung darbietet wie die Ausdehnung der Welt mit ihren vielen Mirabilien (wundersamen Dingen) in den Randzonen des Erdkreises. Das Haupt und die Gliedmaßen Christi an den vier Enden der Welt wie auch das goldgelb leuchtende Quadrat des irdischen und zugleich himmlischen Jerusalem im Zentrum bedeuten dem Betrachter, dass das Weltwissen der christlichen Contemplatio unterzuordnen sei. Das Paradies mit Adam und Eva (jeder hält einen Apfel in der Hand) am Ostrand Indiens ist ebenso entschieden und selbstverständlich dargestellt wie die Arche Noah in Armenien, der Turm von Babel in Mesopotamien, Troja in Kleinasien, Karthago in Libyen und Rom in Italien: Merkpunkte der Alten Geschichte.
Hinter dem kaukasischen Gebirgsbogen werden verschiedene Arten von Menschenfressern lokalisiert, die afrikanische Randzone südlich des Nils wird von einer „Monstergalerie" besetzt. Das Ideenbild der Ebstorfkarte will und kann keine maßstabsgetreue, auf Messungen beruhende Landkarte sein, es ist vielmehr von Symbolstruktur und Bedeutungsperspektive bestimmt. Umso bemerkenswerter ist die Detailfreude, mit der die Kartenbildner ihre geografische Gegenwart ins Bild gesetzt haben.
 

Älteste Deutschlandkarte
Die gesamte europäische (und das heißt christliche) Kartenpartie ist mit identifizierbaren Orten besetzt und nähert sich hier dem Charakter einer Landkarte im neuzeitlichen Sinn. Mit einem gewissen Recht kann man die Ebstorfkarte als die älteste Deutschlandkarte bezeichnen. Die Vielzahl der Städte, der Flüsse und sonstigen topografischen Notationen ist ohne Vorbild. Das gilt besonders für den norddeutschen Heimatraum der Karte um Lüneburg-Braunschweig und die angrenzenden Gebiete. Doch das Kartenbild erfasst längst nicht alle deutschen Länder mit gleicher Detailtreue, es weist große Sprünge und Lücken auf, ganz abgesehen von den zerstörten Stellen.

Noch vieles gäbe es auf der Ebstorfer Weltkarte zu erforschen. Vielleicht entdecken Sie den Turmbau zu Babel oder Noah in der Arche am ‚Ararath mons’. Oder finden Sie den Berg Sinai (in der rechten Mitte). Die Paradiesdarstellung ist nicht  zu übersehen. Oberhalb des Kaspischen Meeres sind die von Alexander eingesperrten Völker Gog und Magog zu sehen, welche Menschenfleisch essen und Blut trinken. Finden Sie unten die britischen Inseln oder weiter oben die Stadt Rom mit ihrer fast kreisfömigen Umwehrung? Planen Sie bei einem Besuch auf der Plassenburg also genügend Zeit für Entdeckungen ein! Außerdem wissen ja: Ein Besuch auf der Plassenburg lohnt sich immer. [Zeitungsbericht in der Bayerischen Rundschau vom Verfasser D. Sch. im Dez. 2008]

Die Zitate sind entnommen aus EBSKART: Die Ebstorfer Weltkarte, ein Spiegel des Weltbildes (Projekt der Universität Lüneburg - digitalisierte Übersicht mit Detailinformationen).
Die beiden letzten Abschnitte nach Hartmut Kugler im Katalog zur Landesausstellung 2004 in Forchheim, S. 169 ff


Hingewiesen sei auf eine grundlegende Neuerscheinung von Hartmut Kugler (Hrsg.),
Die Ebstorfer Weltkarte, Band I: Atlas und II: Untersuchungen und Kommentar; Akademie Verlag 2007 [178,00 €]
 

=>  zur Rezension der Neuerscheinung von Hartmut Kugler (Hrsg.)

=>  Link zu einem Webalbum unter PICASA von Dieter Schmudlach

=>  Die Ebstorfer Weltkarte    [Lexikon Wikipedia]  

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=>  Ebstorfer Weltkarte 3: Forchheim / 'Francia orientalis' 

=>  Die Ebstorfer Weltkarte, Spiegel des mittelalterlichen Weltbildes [=> Uni Lüneburg]

=>  Zusammenfassende Info zur Ebstorfer Weltkarte   [=> Johanneum zur EXPO 2000

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   Abb. 1

Neue Digitalisierung (nach Hartmut Kugler: 4,6 M


           Abb. 2

Hier ist Osten oben!
                                                                                                            

           Abb. 3

Das Herzstück im Zentrum
der Ebstorfer Weltkarte:
Jerusalem und seine Umgebung
 

              Abb. 4

Bethlehem mit Ochs und Esel ('bos' und 'asinus' übrigens vertauscht!)
("sie erkannten die Krippe ihres Herren" - Jes.1,3),
darüber Jericho, darunter Bersabia, "wo Abraham wohnte"


       Abb. 5

In der oberen Mitte der Berg Sinai in 'Arabia',
dazwischen das Tote Meer (mit roten Wellen)
mit Gomorrha, Adama und Sodom,
in der unteren Mitte Bethlehem mit Stern
 

        Abb. 6

Francia Orientalis  [Ostfranken]
Zwischen Nürnberg (Nurenberch) und Orlamünde
ist die Plassenburg (Blassenb) abgebildet, darunter
Bamberg (Pavenborch) und schräg darüber
Forchheim (Vochelem).
Links oben ist Prag (Praga) zu sehen, rechts
davon Wena in Austria, rechts darunter Parma (Parrama).
 

         Abb. 7

Francia Orientalis [unterer Teil]:
oben Bamberg (Pavenborch) mit Regnitz,
Würzburg (Wercebch) in der  Mitte rechts,
Lüneburg (Mitte links) und Braunschweig
(mit einem großen Löwen bekrönt) -
darüber Goslar, Halberstadt, Naumburg,
Quedlinburg und Erfurt.
 


       Abb. 8

Von Alexander eingesperrt wurden die Völker
Gog und Magog. Sie essen Menschenfleisch
und trinken Blut. Darunter das Kaspische Meer.

   
    Abb. 9  => größer: 4,0 MB!

Die Ebstorfer Weltkarte der Universität Lüneburg
aus ihrem Internetauftritt

=>   Forchheim und die 'Francia orientalis'[Ebstorfer Weltkarte -3-]

=>
   Hintergrundinformationen zur Karte [Ein Projekt der Universität Lüneburg]

 

=> Zu einem kleinen Web-Album von Dieter Schmudlach bei PICASA
    
mit mehr und ausführlicheren Informationen                                 

 

 


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