Ein byzantisches Siegel aus Oberfranken


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Die Notgrabung auf dem Turmberg von 1995
Durch die Verbreitung der Zufahrt zum Gipfelplateau des Kasendorfer Turmberges wurde 1995 eine 6-monatige Notgrabung ausgelöst (Archäol. Außenstelle Oberfranken: B.-U. Abels - Örtliche Grabungsleitung: H. Endres). Dabei wurde in der Füllung eines Pfostenloches dieses Bleisiegel gefunden, welches in das 10. Jahrhundert datiert wird. Der Durchmesser beträgt 2,4 cm, das Gewicht 8,78 Gramm. Inventarnummer des Siegels: Nr. 2270.

Beschreibung des Bleisiegels
Auf der Vorderseite (Avers) des Siegels ist ein Patriarchenkreuz zu erkennen, welches auf Stufen steht und von zwei Zweigen flankiert wird. Am Rande sind die Reste der Anrufungs-inschrift zu erkennen:  „Herr, hilf deinem Diener!“

Andeutungsweise ist der von links unten nach rechts oben verlaufende Schnurkanal zu sehen, welcher bereits beim Gießen des Schrötlings erzeugt wurde. Die Bildseiten wurden dann mit einer Siegelzange in den Rohling geprägt.

Eine griechische Inschrift
Die fünfzeilige Inschrift auf der Rückseite (Revers)  ist zu lesen als ... 
NIKOLAOS (?), dem MAGISTROS, 
ANTHYPATOS,  PATRIKIOS                             und
PROTOSPATHARIOS,                A  a  (alpha)   = erster ... 
GENIKO LOGOTHETES".          B  b   (beta)    = zweiter...   usw. 
                                                
[nach M. Restle, München und W. Seibt, Wien]

Neben den hohen Ehrentiteln   . . .                                           
  Magistros: einer der ranghöchsten Zivilbeamten des oströmischen Kaiserreiches, 
                                     im 10. Jhdt. nur an 11 Personen vergeben
  Anthypatos                 [= proconsul] 
  Patrikios                  [= patricius (Patrizier)]
  Protospatharios      [= erster Schwertträger: Kommandeur der kaiserlichen Wache]
                                         gibt die letzte Bezeichnung die Funktion des Mannes an:
  Geniko Logothetes  [= Sekretär innerhalb der Bürokratie, hier für Finanzen]
                              
Nikolaos, kaiserlicher Finanzminister
Es muss sich hier um das Siegel eines kaiserlichen Finanzministers handeln, der für den Export wertvoller Luxusgüter zuständig und dessen Erlaubnis für die Ausfuhr derartiger Waren, wie etwa von Seidenstoffen, erforderlich war. Als Chef der Kommerkiarier, also von Zollbeamten, war er für d
as Steueraufkommen verantwortlich. An Siegeln, welche dem Finanzminister Nikolaos zugeschrieben werden können, sind nur zwei weitere Exemplare bekannt, die beide von den Ufern des Schwarzen Meeres stammen (freundliche Auskunft von Werner Seibt, Wien).

Weitreichende Handelsbeziehungen
Der Fund eines byzantinischen Siegels in Oberfranken lässt also auf weitreichende politische Verflechtungen und Handelsbeziehungen mit dem oströmischen Reich schließen. Zeitlich ist es in die Mitte des 10. Jahrhunderts, also in die Regierungszeit Ottos des Großen (König ab 936, Kaiser von 962 bis 973) einzuordnen. 

Ein begehrtes Ausstellungsstück
Das Bleisiegel wurde bereits 1998/99 bei einer Ausstellung des Bayerischen National-museums „ROM und BYZANZ, Schatzkammerstücke aus bayerischen Sammlungen“ in München gezeigt. Dann war das Original des Siegels im Rahmen der Europaratsausstellung „Europas Mitte um 1000“ in Budapest zu sehen,  2001 in Berlin und Mannheim (Band 3: Katalog, S. 132, Nr. 04.06.05). Stationen der Ausstellung waren 2002 auch noch Prag und 2003 Bratislava. Zuletzt war das Siegel 2004 in der Archäologischen Staatssammlung München "Die Welt von Byzanz - Europas östliches Erbe" (als Kopie in Silber) zu sehen.
 
 
Literatur
(1) W. Seibt - M. L. Zarnitz, Das byzantinische Bleisiegel als Kunstwerk
    (Ausstellungskatalog), Wien 1997.
(2) R. Baumstark (Hrsg.), ROM und BYZANZ. Schatzkammerstücke aus bayerischen
     Sammlungen, Hirmer Verlag 1998, S. 152.
(3) A. Wieczorek, H.-M. Hinz, Europas Mitte um 1000 (Katalog) Theiss 2000 (= Lit. 23)
(4) L. Wamser (Herausgeber), Die Welt von Byzanz - Europas östliches Erbe.
     Begleitbuch zur Ausstellung. München 2004.

 


 
        Abb. 1
       Byzantinisches Bleisiegel: 
       Vorderseite (Avers)
 
         mit Patriarchenkreuz auf Stufen

   

         Gut ist der von links unten nach rechts oben verlaufende Schnurkanal zu erkennen sowie die Reste einer griechischen Umschrift: Herr, hilf Deinem Diener!  Abb. 2

 

                Abb. 3


         Griechische Inschrift
         
auf der Rückseite.
         Erklärung nebenstehend.


         Griechische Inschrift des byzantinischen Finanzministers Nikolaos. Zeit Ottos des Großen, 10. Jhdt. n. Chr.Abb. 4


        Byzantinisches Bleisiegel: 
             

        Rückseite (Revers) 
        mit griechischen Buchstaben.
        Die geritzten Zickzacklinien
        gehören nicht zur Inschrift.


   Abb.5

        Die Zickzacklinien zwischen
        den Buchstaben wurden erst
     
    nachträglich eingeritzt.

 

 

 

       

                                                        
=>   Ämter und Titel im byzantinischen Reich
                                                        
 [WIKIPEDIA]

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